Freitag, 26. Oktober 2007

Unbefleckte Fortpflanzung

Advanced kisses oder: Sex im anthroposophischen Paradies

Anthroposophen leben in der freudigen Gewissheit, dass die gegenwärtige Von-vorne-oder-von-hinten-Welt der Sexualität nicht ewig währen wird. In ein paar tausend Jahren sind nach ihrer Auffassung nicht nur diverse kulturelle Differenzen aufgrund physisch-geistiger Evolution obsolet (vgl. Keine Prügel, kein Rassismus), auch die heutigen Gender-Debatten (vgl. Mütter und Helden) werden kaum mehr eine Rolle spielen. Ermöglichen unsere Geschlechtsorgane derzeit noch sinnliche Entgleisungen – man denke an Boris Becker in der Londoner Besenkammer – von Frauen wie Männern, so werden diese schändlichen Körperteile eines Tages "verdorren" zugunsten einer ganz neuen supersinnlichen sexuellen Potenz:

"Die Fortpflanzungsorgane haben am längsten ihren pflanzlichen Charakter bewahrt. Alte Sagen und Mythen berichten uns noch von Hermaphroditen, das waren solche Wesen, die keine Geschlechtsorgane von Fleisch und Blut, sondern solche von pflanzlicher Substanz besaßen. Manche glauben, das Feigenblatt, das die ersten Menschen im Paradies gehabt haben, sei ein Ausdruck der Scham. Nein, in dieser Erzählung hat sich die Erinnerung daran bewahrt, daß die Menschen an Stelle der fleischlichen Fortpflanzungsorgane solche pflanzlicher Natur gehabt haben. Und nun einen Blick in die Zukunft: Was heute noch niedrige Organe im menschlichen Körper sind, was am spätesten einbezogen wurde in die Fleischlichkeit, das wird auch am ersten wieder abfallen, verschwinden, verdorren am menschlichen Körper. Der Mensch wird nicht auf seiner jetzigen Stufe stehenbleiben. Wie er von der reinen Keuschheit der Pflanze in die Sinnlichkeit der Begierdenwelt hinabgestiegen ist, so wird er aus dieser wieder heraufsteigen mit reiner, geläuterter Substanz zum keuschen Zustande." (Rudolf Steiner, GA 100, S. 265)

Rudolf Steiner war wirklich mit einer erstaunlichen Phantasie begabt, auch der Reiz im Spiel mit der Keuschheit war ihm nicht unbekannt. Aber wie vermehrt sich der Mensch, nachdem er der "Begierdenwelt" entronnen ist? Rudolf Steiners Blick in die Zukunft macht klar: Während unsere bisherigen Geschlechtsorgane zurückgebildet werden, kommt es gleichzeitig zu einer veritablen Weiterentwicklung des Kehlkopfs zum neuen sexuell-erotischen Zentrum. Der Mensch resp. die "menschliche Substanz", vermag sich nun über die erweiterten Sprachorgane fortzupflanzen:

"Gewisse Organe des menschlichen Körpers sind im Zerfall, andere sind auf der Höhe ihrer Entwicklungsfähigkeit angelangt; wieder andere sind erst im Beginne ihrer Entwicklung. Zu den ersten gehören die Fortpflanzungsorgane, zu den zweiten gehört das Gehirn; zu jenen, welche erst in der Keimanlage sich befinden, gehören das Herz und der Kehlkopf und alles, was mit der Bildung des Wortes zusammenhängt. Aus ihnen werden Organe herausgebildet, welche die Fortpflanzungsorgane in ihren Funktionen ersetzen und weit überragen werden. Sie werden im höchsten Sinne willkürliche Organe werden. Wenn der Mensch in der Luft durch das Sprechen Formen erzeugt und in der Zukunft das Wort schöpferisch wirken wird, dann wird der Mensch zu jener Keuschheit zurückgekehrt sein, welche die Pflanze bewahrt hat, aber es wird eine bewußte Keuschheit sein. (…) Was auf niederer Stufe als Pflanzenkelch der Sonne entgegengestreckt wurde, was den Sonnenstrahl als Liebespfeil aufnahm, das wird auf der höheren Stufe der zukünftigen Menschheit dem Kosmos wieder zugewendet werden als Kelch, der befruchtet wird vom Geistigen aus. Dies ist dargestellt im Heiligen Gral, dem leuchtenden Kelch, dessen Erreichung dem Ritter des Mittelalters als erhabenes Ziel vorschwebte." (ebd., S. 265 f.)

Pipis und Popos werden also eines Tages passé sein und wir werden neue Sex-Toys bekommen. Niemand - weder Frau noch Mann (falls es solch bipolare Geschlechter noch geben wird) - wird dann noch von diesem eigenwilligen "Männlein zwischen den Beinen" (Otto Julius Hartmann, Graz 1981) dominiert werden, sondern es wird sich alles mit großer Hingabe um rosenduft-süße, vom "Liebespfeil" befruchtete "im höchsten Sinne willkürliche" Küsse drehen. Der Traum vom Liebesakt im Lichte des heiligen Grals wird wahr!


So bringt Steiner auch noch den sagenhaften König Artus ins Spiel. Leider konnte Steiner die schöne Version der Artus-Sage von Marion Zimmer Bradley nicht mehr kennenlernen, aber an heutigen Waldorfschulen kommen die Schüler in den Genuss von vielen "erhabenen" Ritterlegenden, die von den Lehrern möglichst frei erzählt werden sollten. Ob allerdings im Fach Sexualkunde, das – zwar reichlich spät, aber immerhin – inzwischen in den Waldorflehrplan integriert wird, die Gestalten Igraine, Uther Pendragon, Morgaine, Artus oder Guinevere mit einbezogen werden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Kommentare:

barbara hat gesagt…

oho endlich auf dem aktuellen stand lieber jens. wenn auch noch texte vermutlich mangels inspiration fehlen, dieser hier ist exellent geworden

Christoph hat gesagt…

@Barbara: Du glaubst also, dass Jens hier der Blogbetreiber ist? Na gut, könnte sein, glaub ich aber nicht so ganz. Er ist doch momentan auf seinem Qualitätszeitungstripp...

Anonym hat gesagt…

Wer (schätze: teamwork) auch immer das verfaßt hat:
advanced kisses? Ja ! da freut man sich schon richtig aufs nächste Leben!
Försterliesel

Ralf hat gesagt…

Sehr schön, dass jetzt auch Kommentare gehen. Die Texte sind alle ziemlich gelungene Antoworten, finde ich, und vor allem, sieht man, dass NWA II jedenfalls auch Humor besitzt und nicht so grimmig daherkommt. Das wertet auch NWA I auf. Wie es im Geleitwort auch heißt: Erst der Dialog macht die Sache interessant. Hätte ich NWA2 nicht auch entdeckt, wäre NWA1 auch schon wieder aus den Favoriten raus. Ohne NWA2 wäre mir NWA1 zu öde (d.h. einseitig). Lecker. Weiter so!

Annette hat gesagt…

Ich kann ja ne Qualitätszeitung UND NWA II Qualität bieten.

Was mir hier so gut gefällt: Es gibt immer wieder was neues.

Grüße an Jens, schön, daß Sie wieder da sind.

barbara hat gesagt…

nwa uno ist schon eins weiter, lässt inhaltlich aber langsam stark nach, liest aber offenbar info3 incl deren webseite;-)
also ein anthrofan

Robert hat gesagt…

Hallo Nachsichter/in,

ich klicke rechts "Schlachtrufe und Hilferufe" an und erhalte die Meldung

Seite nicht gefunden

:-((

Überhupt ist mir nicht klar, wie hier gebloggt wird. Christophs Blog hingegen ist klar strukturiert. Dort werden ältere Posts zu Monats-links zusammengefasst.
Außerden gibt es noch thematischt Zuordnungen ... und viele Rätsel (s. http://goysworld.blogspot.com/)

Daher gebe ich mal den Tipp: Von Christoph lernern heißt siegen lernen.

Viele Grüße
Robert

Nachsichten aus der Welt der Anthroposophie hat gesagt…

Lieber Robert,

hier wird so geblogt, wie NWA 1 blogt - nur mit zeitlicher Verschiebung und hin und wieder in anderer Reihenfolge (das hat mit Inspiration zu tun). Das ist doch Sinn und Zweck der ganzen Sache.
Wie heißt es so schön in unserem Geleitwort: "NWA II bleibt NWA I treu, ob es will oder nicht."
So ist's und so wird's bleiben.

Beste Grüße,
NWA2