Mittwoch, 7. November 2007

Schlachtrufe und Hilferufe

Die Welt, sie wirbelt und wankt

Ob erst ein spirituelles Selbstverständnis den Anthroposophen ermöglicht, zu historischen oder gegenwärtigen (welt-)politischen Umständen ein Urteil zu finden, wie es NWA 1 nahelegt, sei mal dahingestellt. Fest steht, dass unter einigen Anthroposophen eine tief empfundene Überlegenheit der anthroposophischen Weltdeutung anzutreffen ist. Dabei werden historisch-kritische Erkenntnisse der konventionellen Wissenschaft oftmals hartnäckig ignoriert. Das betrifft jedoch nicht nur Werke, wie das von Helmut Zander oder anthroposophie-kritischen Journalismus wie er in Info3 stattfindet, sondern es betrifft vor allem den Umgang anthroposophischer Verantwortungsträger mit rassistischen oder antisemitischen Aussagen Rudolf Steiners (vgl. Rudolf Steiners Verlag).

Wenn man besagte Passagen in Steiners Werk endlich auch offziell von Seiten des Bundes oder der AAG als das bezeichnen würde, was sie sind, nämlich rassistisch und antisemitisch, dann bestünde die Hoffnung, sich mit einer solch unzweideutigen Stellungnahme der Vereinnahmung durch Nazis zu entziehen. So lange man sich aber weigert, etwas anzuerkennen, was offensichtlich ist, eben an der Doktrin festhält, Steiner habe nichts Rassistisches oder Antisemitisches geschrieben, so lange wird man auch damit leben müssen, dass Rudolf Steiner von Nazis - und sei es implizit - vereinnahmt wird, so wie jüngst geschehen im Vanity-Fair-Interview. Dort lässt sich nachlesen, wie der von Michel Friedman befragte Horst Mahler Denkfiguren zum Besten gibt, die auch unter Anthroposophen verbreitet sind.

Wo Mahler gern vom deutschen Geist spricht, hört man Anthroposophen gern vom Geist Mitteleuropas sprechen. Nach Mahler wird der deutsche Geist "in der Welt herrschen", aber nicht nur das, er "macht frei". Solche Vorstellungen von einer Mission des "deutschen Geistes" sind durchaus Steiner kompatibel, wenn man Steiner entsprechend interpretiert. Und das wird von vielen Anthroposophen gemacht. Bei ihnen ist dann etwa von der besonderen Aufgabe Mitteleuropas, dem Impuls Mitteleuropas oder der geistigen Identität Mitteleuropas die Rede.

Anthroposophische Vorstellungen von einem mitteleuropäischen Geist, der gleichsam vom Christus-Impuls getragen wird und in der Welt für Besserung sorgen soll, sind vereinbar mit nationalsozialistischen Vorstellungen über die Mission Deutschlands und mit solchen über den "deutschen Geist" von Neonazis à la Mahler. Mahler gelingt es also problemlos, Rudolf Steiner in seine faschistoide Weltanschauung einzubauen. Die Anthroposophen müssen sich mal hinsetzen und gut überlegen, warum das so ist.

Angesichts der Tatsache, dass die Anthroposophie kein Historiker-Verein ist, gibt es zwar erstaunlich viele Publikationen zu geschichtlichen Themen von anthroposophischen Autoren; einige davon sind durchaus von Sachkenntnis im Sinne akademischer Konventionen geprägt. Eines, das sich mit der Frage auseinandersetzt, warum bestimmte anthroposophische Vorstellungen offenbar prima anschlussfähig sind zu den Ansichten von Nazis und Neo-Nazis, ist jedoch noch nicht geschrieben worden. Es wäre an der Zeit.

Wie sieht es aber mit Rudolf Steiner selbst aus? Ist es nicht eine nun ja, doch sehr schlichte Interpretation Steiners, wenn man sein Eintreten für Individualität und Freiheit auf eine national bzw. territorial gebundene Mission beschränkt? Und geht es hier nicht auch darum, sich nicht die Deutungshoheit aus der Hand nehmen zu lassen? Das An-ein-Territorium-Gebundensein von geistigen Entwicklungen ist typisch für das 19. Jahrhundert (bis hin zum Zionismus) und man sollte meinen, dass Steiner sich dessen bewusst war, dieses Scholle-Geist-Denken aber verwendete, um seine denkpädagogischen Impulse eingängiger veranschaulichen zu können, so wie er es auch mit kirchlich-christlichen Vorstellungen tat. Er versuchte damit Reklame zu machen.

Man muss, um einer Vereinnahmung durch Nazis entgegenwirken zu können, den Gedanken der Freiheit losgelöst von altbackenen heilsgeschichtlichen Missionen bewerben. Die Freiheit wie sie in Steiners "Philosophie der Freiheit" im Mittelpunkt steht, die Liebe zum Denken, hat keine Mission, hat kein Ziel, dass auf einem entfernten Punkt einer gedachten Zeitliste erreicht wäre, sondern sie findet jetzt statt, wenn wir wollen.

Genau da setzt z. B. Sebastian Gronbach an, wenn er zuletzt in seinem Blog eine kämpferische Anthroposophie beschreibt, für eine "Wiederbewaffnung des Guten" plädiert und Gleichgesinnte dazu aufruft, "einen Diskurs darüber zu führen, welche Waffen, welche Kriegskunst und was für Schlachtrufe das Gute braucht". Sebastian Gronbach ist ein Mündungs-Mensch, der sich aus Liebe zum Menschen für eine Verwirklichung der Philosophie der Freiheit im Hier und Jetzt engagiert. Anthroposophie - Liberté toujours!

Kommentare:

barbara hat gesagt…

das hier stammt nicht von jens;-)
ich fühle mich an die pitris zu ralf hesse seligen zeiten erinnert

Blogbeing hat gesagt…

Hihihi!

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Nachsichten aus der Welt der Anthroposphie hat gesagt…

Liebe Leser,

die Entfernung des vorigen anonymen Kommentars ist aus reinster blogosphärischer Fürsorglichkeit heraus geschehen und stellt einen einmaligen Vorgang dar.

Eine gute Woche,
NWA 2

Hicklussar hat gesagt…

Hihihi!

Blogbeing hat gesagt…

Ich bin Hicklussar. Ich bin traurig, dass jemand unter meinem Namen schreibt.

Love,
Hicklussar

W.S. hat gesagt…

"Ich bin Hicklussar. Ich bin traurig, dass jemand unter meinem Namen schreibt."

Dann kommt bestimmt bald ein nettes Männlein und krault Dich ganz lieb.

Annette hat gesagt…

Ich hoffe Jens ist nicht traurig, dass ich ihn in meinem Blogbeing mit Namen genannt habe. Wenn ich darf werde ich es weiterhin tun, weil er mir gefällt. Hihihi

Ritter Berzengeschnetz hat ein ganzes Profil abgeliefert, um besser erkannt zu werden.

Christoph hat gesagt…

ich fühle mich an die pitris zu ralf hesse seligen zeiten erinnert

Wer ist Ralf Hesse? Und wer seine Pitris? Anthroposophen?

barbara hat gesagt…

wer suchet, der findet.

b. elers

barbara hat gesagt…

junge junge, wer war nun das? jemand mit meinem kürzel, wird ja lustig, wenn man so seine identität verliert.
ralf hesse findest mit googel dort war die rsl mal gehostet bis es ein öffentliches archiv gab und er sich zur zensur aufschwang, da erschienen die pitris (fachbegriff findest du bei steiner), in der hoffnung, erwürde mekren wie lächerlich seine zensur ist, leider ohne erfolg, daraufhin wanderte die rsl an einen neuen standort und die mailingliste bei ralf hesse dürfte inzwischen entschlummert sein mangels content;-))
p.s. mir fällt auf, wer mich da oben gefälscht hat, versteht im gegensatz zu mir etwas von interpunktion

Gabriele hat gesagt…

Hast Du dir, verehrter Autor, mit diesem Statement nicht bereits die "Deutungshoheit aus der Hand nehmen" lassen?

G.

DerDrRudolph hat gesagt…

" barbara hat gesagt...

das hier stammt nicht von jens;-)"



:-))))))))))

Ach nee, nicht Jens?

barbara hat gesagt…

wie auch immer, aber ihr seit 2 themen im verzug,
nwa 1 wird zwar inhaltlich immer schwächer aber dafür produktiver als vor wochen, also masse statt klasse oder so