Montag, 26. November 2007

Gefährliche Wissenschaften

Was spukt denn da?

Anthroposophen sind ein ziemlich individualistisches Völkchen, lesen gerne, sind immer interessiert und diskussionsfreudig. Das ist eine ganz und gar traumhafte Klientel für ein wissenschaftliches Werk. Die meisten geschichts- wissenschaftlichen Habiltationsschriften werden für die Wissenschaft geschrieben. Das heißt, es liest sie überhaupt niemand, außer dem/der Fachhistoriker-Kollegen/In, der/die notwendigerweise darauf zurückgreifen muss, um damit zu dokumentieren, dass er/sie alle für das eigene Forschen themenrelevanten Abhandlungen wahrgenommen hat. Deshalb werden solche Bücher normalerweise nur von wissenschaftlichen Bibliotheken erworben. Stört ja auch niemand. Für den wissenschaftlichen Ruf zählt ohnehin nur die Anerkennung durch die Fachkollegen. Wer sich mit Plebs abgibt steht in Wissenschaftlerkreisen immer erst einmal unter Generalverdacht. Es ist deshalb sehr außergewöhnlich, wenn ein wissenschaftliches Werk, wie "Die Anthroposophie in Deutschland" von Helmut Zander nach wenigen Monaten bereits in die zweite Auflage gehen muss und in der Presse mehrmals besprochen wird. Helmut Zander ist sicher nicht der am meisten angesehene oder innovativste Historiker Deutschlands, vielleicht aber der zurzeit glücklichste.

NWA1 kann wieder einmal zwei Recherche-Funde vorweisen. Schließlich scheint es ja sein allerliebstes Hobby zu sein, sämtliche anthroposophischen Medien zu durchforsten. Vermutlich sitzt es täglich in der Bibliothek des örtlichen Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft, wartet auf neues verwertbares Material, lernt auch manchmal was vernünftiges, sieht dort nette, freundliche Menschen, und vor allem spart es auf diese Weise sogar Heizkosten, was für jemand der sonst nichts besseres zu tun hat, angesichts der kalten Jahreszeit und der hohen Öl- und Gaskosten sicher gar nicht einmal das Dümmste ist.

"Ein Gespenst geht um in der anthroposophischen Gesellschaft", jauuuuult NWA1. Das finden wir klasse. Solange es so nett ist wie "Das kleine Gespenst" von Otfried Preußler oder so lustig wie Bully Herbig als "Hui Buh" trägt das ja regelrecht zur Abwechslung bei.

Wer es merkwürdig finden sollte, dass jemand seine Freizeit damit verbringt, sich voll, ganz, verkannt und unentlohnt der Beschäftigung mit einer Sache zu widmen, die er eigentlich total doof findet, sollte immerhin bedenken, dass es NWA1 um nichts geringeres geht, als im Sinne einer Orientierungshilfe konfessionell nicht ganz gefestigte Mitmenschen und Eltern über die Anthroposophie und vor allem die Waldorfpädagogik aufzuklären, denn dass das erstere ganz schlimm ist, das gehört für NWA1 ohnehin zu den "unumstößlichen Wahrheiten", und beim letzteren handelt es sich nach NWA1s Ansicht um eine perfide Taktik der Anthroposophen, noch ungeformte, unschuldige Kinderseelen, vom Schoße ihrer eigentlichen geistigen Bestimmung hinwegzulocken, und hinzuführen zu den Inhalten der Anthroposophie, welche NWA1 als irrationale, wenig gottgefällige, kurzum "gefährliche Wissenschaften" ansieht.

Wie NWA1 herausgefunden hat, sehen einige Anthroposophen den Diskurs mit dem Historiker Zander kritisch, beziehungsweise finden ihn nicht sinnvoll. Aber die Anthroposophenschaft ist ein ziemlich bunter Haufen. Die reinste Papageienvoliere. Zugegeben, es geht dort manchmal etwas chaotisch zu. Aber das ist auch gut so. Denn so sehen sie eben aus, die fröhlichen Anthro-Wissenschaftler, die sich somit von einem drögen Monologisieren und Zensieren im Stile der Nachrichten der Anthroposophie niveauvoll abheben. Wenn engagiert im Sinne eines freien, produktiven Austausches diskutiert wird, dann können sich letztendlich wirklich interessante Gedanken herauskristallisieren.

Besonders ans Herz gelegt werden kann zum Beispiel das, was Rahel Uhlenhoff zu Zanders "Anthroposophie in Deutschland" schreibt. Auch Robin Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Kulturimpuls, hat sich bereits mehrfach auf sachlich hohem Niveau zu Zanders Opus geäußert, zuletzt mit seiner Rezension auf H-Soz-U-Kult, dem bedeutendsten Internetmedium von und für Fachhistoriker. Nicht dass dies nach NWA1s Gusto wäre, der nichts außer Lobeshymnen gelten lassen würde, da einerseits nur solche für seine Zwecke sachdienlich, andererseits er auch offensichtlich nicht reflektiert genug ist, um zu verstehen, dass historische Deutung nicht enzyklopädisch zu verstehen ist, sondern in einem Diskurs, dessen Auslotungen immer wieder neu in Frage gestellt werden müssen, und dessen Horizonterweiterung nicht eine Gefahr, sondern sogar ein permanentes Desiderat darstellt.

Rahel Uhlenhoff zeigt überzeugend einige Grenzen auf, denen Zanders Arbeit unterliegt. Bezüglich einer Deutung von Anthroposophie unterliegt Zander einem methodischen Problem.

"Das „Entrebillet in die scientifi c community“ bestand daher, wie Zander sagt, in dem „programmatischen Versuch, Fakten und Deutung zu trennen.“ Das Problem besteht im Hinblick auf die Anthroposophie allerdings darin, dass sie nicht nur im eminenten, sondern auch im immanentesten Sinne aus Deutungen besteht. Wer nur ihre gedanklichen Ausfl üsse in Steiners Gesamtausgabe studiert, aber nicht nach der Quelle dieser Gedanken: Rudolf Steiners hellsichtiger Forschung in der
„geistigen Welt“ fragt oder fragen darf, der bleibt strukturblind im Vorhof des zentralen Deutungshofes stehen, da Deutung sich nie von außen, sondern nur von innen her in Tiefengraden erschließen lässt.
[…]
Und dann zeigt er im Gespräch die Konsequenzen auf: „Wer diesen Preis nicht bezahlt, der hat zu 99 Prozent keine Chance ins akademische Milieu unter Gleichberechtigte zu kommen, Gehör zu finden und sich an den Deutungs- auseinandersetzungen über Steiners Werk zu beteiligen.“ Wer diesen Preis aber bezahlt, der hat zu 99 Prozent keine Chance, Rudolf Steiners Werk, die Anthroposophie, aus ihren eigenen Deutungsbedingungen heraus zu verstehen.
Umgekehrt ausgedrückt: wer sich für das „höhere Ich“ im Menschen und die „höheren Erkenntnisse“ aus der „geistigen Welt“ methodenbewusst borniert, der kann an ihrer statt im Allgemeinen nur „niedere Triebe“ im Menschen und in der Geschichte am Werke sehen und im Besonderen Steiner politisch als „kühlen Machiavellisten“ mit pseudowissenschaftlich „esoterischem Überbau“ verstehen. Helmut Zander hat die Anthroposophie fünfzehn Jahre erforscht und bleibt dabei konsequent im Vorhof des anthroposophischen Deutungshofes stehen. In seinem Werk überschreitet Zander auf 1880 Seiten kein einziges Mal die seit Immanuel Kant der Wissenschaft gezogene Erkenntnisgrenze von äußeren Fakten zu inneren Deutungen.
[…]
Soviel Arbeitskraft und Akribie für sowenig Sinnstiftung und Selbstverwirklichung
ist eine einzige Hommage an die Historikerzunft, im weiteren Sinne an das im „existentiellen Sinne sinnlose Unternehmen“ Wissenschaft und im weitesten Sinne an die protestantische Arbeitsethik unserer (Post-)Moderne. Die Anthroposophen dürfen Helmut Zander für seinen Fleiß und seine selbst so geschätzte „hochinnovative Handarbeit“ von Quellensammlung, -sichtung, -lektüre, -kritik und -analyse der Fakten von Herzen danken. Doch sie müssen ihm, seiner heuristischen Gebundenheit eingedenk, geistig in seiner Deutung gewiss nicht folgen."

Dass einerseits diese Kritik Uhlenhoffs tatsächlich ein Kernproblem in Zanders Werk anspricht, andererseits Zander als Geschichtswissenschaftler vielleicht doch einen größeren Speilraum hatte, als er wohl zu haben glaubte, erkennt man am besten daran, dass selbst ein bekannter Historiker wie Lucian Hölscher, der weder Anthroposoph noch Anthroposophiekritiker ist, sondern einfach nur einer der wenigen deutschen Historiker, die sich über die Hintergründe des eigenen Faches auf profunde Art und weise Gedanken machen, unabhängig von Uhlenhoff zu fast dem selben Urteil kommt:

"Ihre Grenzen findet Zanders Methode allerdings beim Verzicht auf eine eigene systematische Auseinandersetzung mit Steiners Lehren und Anschauungen. So kann er, um nur zwei Beispiele zu geben, zwar schon frühzeitig die Wurzeln für die Konzeption einer objektiven Erkenntnis aus purer Anschauung in dessen Rekonstruktion von "Goethes Weltanschauung" aufsuchen; beim Versuch, diese Konzeption zu verstehen, lässt er den Leser aber doch recht ratlos zurück. Hier setzt eine Distanznahme des Historikers von der Aufgabe des Verstehens ein, die umso misslicher ist, als sie zwischen den Zeilen eine nicht ausgeführte Kritik von Steiners Konzeption vermuten lässt. Ihre Ausführung hätte wohl auch bei der Rekonstruktion von Steiners Erkenntnistheorie nicht ganz so rasch vor dessen Inanspruchnahme einer schauenden Erkenntnis nicht nur auf Quellelektüre, sondern auch auf innerer Ergänzung, auf einer Schau des Ganzen einer historischen Idee beruht, schon zu den Grundkonzeptionen des frühen Historismus, etwa bei Humboldt oder bei Droysen. Zander geht nur ansatzweise in solche Kontroversen mit sachlichen Argumenten hinein. Wie die Ablehnung ihn nicht zum Feind, so hätte ihn aber wohl auch eine partielle Zustimmung nicht gleich zum Parteigänger der Anthroposophie machen müssen". (Süddeutsche Zeitung vom 25.10.2007)


Solch ein Urteil ausgerechnet aus der Feder eines Kollegen lesen zu müssen, der in der Historikerzunft hohes Ansehen genießt und gegenwärtig wohl einer der bedeutendste Köpfe der geschichtswissenschaftlichen Theorie ist, wäre für Zander eigentlich ziemlich niederschmetternd, wenn sein Buch nicht insgesamt ein solch breites Echo in der Presse und solch guten Absatz gefunden hätte. Und zu seiner Ehrenrettung darf immerhin gesagt werden, dass seinen Fleiß beim Zusammentragen der Quellen Hölscher wie auch Uhlenhoff ausdrücklich loben. Zanders Buch leidet an einem Spannungsverhältnis zwischen Zanders einerseits hochinnovativer Handarbeit und dem methodisch missglückten Versuch, daran eine dem Gegenstand entsprechende Deutung anzuschließen. Was Hölscher bereits andeutet, dass Zanders Arbeit nicht wertefrei ist, sondern eine Kritik von Steiners Konzeption vermuten lässt, darauf weist auch Uhlenhoff hin und analysiert dies bereits anhand einiger Beispiele.

Rahel Uhlenhoffs und Robin Schmidts Kritik an Zanders Werk ist vor allem deshalb so erfreulich, weil sie trotz aller substantiellen Kritik beide keinerlei Schwierigkeiten haben, Zanders Verdienste um eine historische Kontextualisierung von Steiners Werk zu loben. Es soll weitergeforscht werden. Ganz richtig stellt Robin Schmidt in seiner H-Soz-Kult-Rezension des Zanderschen Buches fest:

"Klar ist trotz dieser Kritikpunkte, dass diese Publikation ein zentraler Bezugspunkt sein wird, wenn künftig über die Geschichte der Theosophie und Anthroposophie in Deutschland geforscht wird. Alle Kapitel sind reich an Anregungen und bieten Fragestellungen für Dutzende von Forschungsvorhaben, die die überaus ideenreich, teils historisch profund, teils assoziativ angerissenen geschichtlichen Kontexte der Anthroposophie ausarbeiten oder in Abgrenzung konträre Blicke entwerfen könnten."

Das ist eben der Unterschied. Für die einen ist Zanders Werk wissenschaftlich interessant und Anlass über weitere Fragestellungen und Forschungsvorhaben nachzudenken. Für NWA1 ist es eine Diskreditierungshalde.

Kommentare:

barbara hat gesagt…

nett, dass ihr aufgeholt und angepasst habt. den teext hier würde ich jens zuordnen, die vorstellung nwa 1 täglich in der örtlichen zweigbibliothek bei recherche in räumen mit abben ekcen weledaduft und holztäfelung mit lila vorhängen sitzen zu sehen, war sehr erheiternd

Anonym hat gesagt…

meine güte, jens, christoph, wer auch immer:

"konfessionell nicht ganz gefestigte Mitmenschen und Eltern über die Anthroposophie und vor allem die Waldorfpädagogik aufzuklären"

habt ihr mal den ersten satz auf nwa1 (zum geleit) gelesen? die sind doch wohl kaum konfessionell orientiert.

barbara hat gesagt…

liebe leute,
nwa 1 ist weider aktiv und ihr seit 2 themen zurück;-)

Anonym hat gesagt…

ich denke, die versuche der anthroposophen, zanders buch als ganz nette "fleiss"-arbeit abzutun, die etwas an der oberfläche kratzt, aber kaum zum wesentlichen durchdringt, sind allzu durchsichtig.
die forderung, wissenschaft könne eine weltanschauung wie die anthroposophie nur dann gültig untersuchen, wenn sie die grenze zur esoterik überschreitet, mag ja für die steiner-anhänger eine ganz angenehme verteidigungslinie sein, für nicht-anthroposophen ist sie nur absurd.

Anonym hat gesagt…

Diskreditierungshalde ist schön formuliert.Halde suggeriert zurecht etwas Gigantisches.
Hölscher hat auch klargestellt, daß Zander die Forschung noch am Anfang sieht!
Für einen Anfang doch ganz passabel die 1800 Seiten.
Es wird kalt werden im Elbenland - mehr Walkstoff,Hobbits!

barbara hat gesagt…

märz 2008, das ist ja schon monate her! habt ihr die initiative aufgegeben? nwa1 hat inzwischen layout geändert und noch texte verfasst.
na ja, man kann den sommer auch geniessen